Stolpersteine in Rödermark
   Stolpersteine in Rödermark

Stolpersteine in Urberach

Der Künstler Gunter Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Inzwischen liegen mehr als 47.000 Stolpersteine in über neunhundert Orten Deutschlands und in achtzehn Ländern Europas (Stand Mai 2015).

Somit hat sich das Projekt zum weltweit größten dezentralen Mahnmal entwickelt. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitiert Gunter Demnig den Talmud. Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten. Auf den Steinen steht geschrieben:

 

HIER WOHNTE...
Ein Stein. Ein Name. Ein Mensch.

 

 

"Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, hat gewonnen: Der Münchner Stadtrat bleibt bei seinem Verbot der Stolpersteine. Das sind jene kleinen Pflastersteine, die vor Hauseingängen eingelassen werden und auf einer kleinen Messingplatte die Juden beim Namen nennen, die von hier in den Holocaust verschleppt wurden. Es gibt inzwischen europaweit knapp 50.000 solcher Stolpersteine. Allein in Berlin gab es bis Juli 2014 5900 davon. Charlotte Knobloch gehört zu den vehementen Gegnern dieser Art der Erinnerung. Ihrer Meinung nach werden so die Ermordeten noch einmal mit Füßen getreten. Sie möchte mit Tafeln an den Hauswänden oder aber Stelen vor den Häusern der Toten gedenken. Tafeln an Hauswänden bedürfen der Genehmigung des Hausbesitzers. Stelen vor den Häusern werden leicht zu Verkehrshindernissen.

Die Trottoirs sind meist städtischer Besitz; hier einen Stolperstein anzubringen, bedarf nur der Genehmigung der Stadt. Der Stolperstein ist eingelassen in den Boden und stört darum die Passanten nicht. Das sind die praktischen Argumente, die für Stolpersteine sprechen. Das stärkste Argument für die Stolpersteine ist aber das, was Frau Knobloch als Gegenargument anführt. Der Passant tritt zwar nicht die Toten mit Füßen, aber er wird daran erinnert, dass genau das hier geschah. Er wird daran erinnert nicht nur durch die Aufschrift der Messingplatte, sondern durch seinen eigenen Körper. Er tritt jetzt die Gedenkplatte mit Füßen. Dieses Gefühl hat auch, wer sich darüber nicht im Klaren ist. Dieses Gefühl sorgt dafür, dass ihm deutlicher wird, was passierte. Viel deutlicher jedenfalls, als wenn er es nur lesen würde. Der Stolperstein lässt den Passanten stolpern über das, was damals geschah und über das, was er gerade tut. Sein Körper, könnte man sagen, denkt mit. Genau das ist der Vorteil
der Stolpersteine. Dazu gehört auch, dass der Passant, der es genauer wissen möchte, sich bücken muss. Er muss sich verneigen vor dem, das er mit Füßen getreten hat.

Eine heilsame Erfahrung. Man liest zum Beispiel vor dem Hochhaus am Steglitzer Damm 8 „Hier wohnte Richard Baumann“, erfährt, dass er 1885 geboren, am 2. März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort im März 1943 ermordet wurde. Daneben liegt das Täfelchen, das an die Ermordung seiner Frau erinnert. Sie war bereits am 15.
Februar deportiert worden. München, die einstige „Hauptstadt der Bewegung“, mag nicht verstehen, dass auch die Erinnerung der Bewegung bedarf."


Arno Widmann, Frankfurter Rundschau, 31.7.2015
 

 

Die Texte, die für die Verlegung der Stolpersteine am 19. Oktober 2015 entstanden, sind ausgedacht. Die Autoren stellten sich vor, was die Hausbewohner
vielleicht dachten und fühlten, als sie sich im Moment der Flucht oder Verhaftung noch einmal umdrehten und auf ihr Haus blickten: Erinnerungen, Beobachtungen,
Hoffnungen, Ängste.

Die Autoren bedienen sich mal mehr, mal weniger der Fakten, die bekannt sind. Auch die Situation des Abschiednehmens in Gruppe ist fiktiv. Deshalb können auch beispielsweise Luddi Adler oder Ilse Rothschild dabei sein, die in Wahrheit zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr in Urberach wohnten.

 

"Uff de anner Seit vom Dalles bin isch geborn. Moin Vadder woar de Eck-Moses – vom erste Haus in de Beschgasse. E schee Graab
hott’er in Dibborsch uff’em Friedhof. Seit 165 Joahr lääwe mer in Orwisch. Im Weltkriesch habb isch for unser Land gekempft.
Isch schlachte gut un hatt‘ e prima Metzjerei. Moi Fraa, die Rosa, heelt es Haus zusamme.
Isch sing geern doo im Verein, beim Häido. Geern deet isch weirermache … in Orwisch. Awwer fer uns git’s keu Auskumme meeh.
Isch will meu Haus verkaafe un nooch Ameriga zu meune Brierer geh‘.


V’lascht pack‘ isch’s ja – dort, wou die grouße Audos gebaut wer’n. Un mer kenne iwwerlääwe!
Schaad defeer. Awwer es gäit nit annersd."


(Text: Roland Kern; Sprecher: Jürgen Wolff)

Isidor Strauss
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"Honn isch alles oigepackt? Des Foto vum Wernersche? Endlich geit’s lous, zu unsene Buwe, zum Alfred, zum Walter. Isch honn se jo schunn iwwer e Joar nit merr geseihe. Hoffentlisch schaffe mer’s guud bis Froankreisch. Des Schiff macht mer Engschd. S is doch e gaonz schei lang Reis. Unn der Seegoang...

Unn ob meun Isaak des alles schafft? Dass mer des Haus unn des Geschäft zuricklosse misse, des is…
äwwer meun Isaak driffds schunn. Mer isses schad um die Anna, meu lieb Naboan vunn geeiiwwer. Mer kenne uns schunn sou loang. Wie wird des seu in Amerika? Isch koann doch die Sproch net. Ewwer me braucht doch aon mit dem mer schwetze kaonn. Äwwer de Isaak seeit, unser Verwande sinn doch dort und mit denne kennd isch joa…
Es macht mer Engschd! Isch waor ja noch nie weide weg, vun Herjershause nach Orwisch. Ja, nach Fraonkford orre Dammstadt,
ewwer jetzt is es was anneres, erscht nach Froankreisch, dass mer uff des Schiff kumme…
Honn isch alles eugepackt? Die Babiern hott de Isaak. Howwentlisch laosse se uns unbehhellischt bis zu de Grenz. Wem kaonn me traue? Unn die Foahrt mit dem Zug… Die Bligge… Des Gebrill…
S iss guud, dass mea endlisch a gein. Unse Buwe sin in Sischerheit, des woar dem Isaak wischtisch unn isch woar a euverschtanne,
obwouhl s merr fascht des Herz gebroche hott. Ob se uns abhole wern am Hafe?"

 

(Text & Sprecherin: Brigitte Beldermann)

Rosa Strauss
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"Nun ist es also so weit. Ich wusste, dass es schwer wird, aber nicht, dass er so schwer wird, der Abschied. Dabei kann ich vieles verkraften, unser Haus, unsere Metzgerei, weg. Vater weiß nicht, ob wir jemals wieder hierher zurückkommen. Ist nicht so schlimm. Das sind nur Dinge. Für mich. Die Freunde, der Fußball, die Mannschaft – das ist schlimmer – für mich. Schließlich werden wir diese Saison aufsteigen! Aber ich werde nicht aufsteigen. Wir gehen zu Tante Lissy. Nach Amerika. Wahrscheinlich. Aber erstmal gehen wir nach Darmstadt, sagt Vater. Danach nach Amsterdam, auf ein Schiff. Und wenn ich jetzt auf Vater schaue, da wird’s mir richtig schlecht. Dann fällt mir der Abschied schwer. Einen Koffer hat er. Mama hat auch nur einen, aber bei Vater ist es schlimmer. Ein Koffer ist alles, was ihm bleibt. Die Metzgerei hat er aufgebaut, sich mühsam zusammen gespart. Dann der Anbau vor zwei Jahren. Alles selbst erreicht, selbst gemacht, selbst gemauert in der wenigen freien Zeit. Und ich hab ihm viel zu wenig geholfen! Aber er hat doch gesagt, ich sei jung. Soll zum Fußball. Und mir eine Freundin suchen. Und jetzt steht er hier. Mit einem Koffer und feuchten Augen. Das bricht mir das Herz! Das tut mir weh. Weil es ihm weh tut, die Heimat zu verlassen. Er fühlt, dass er wahrscheinlich nie mehr herkommen wird. Die Welt ist schlecht – nein, eigentlich ist sie gut, aber ...

Tante Lissy hat uns viele Briefe geschrieben. In jedem sagt sie, dass sie betet, dass wir zu ihr kommen, nach Amerika. Da wären wir sicher. Da brauchen wir keine Angst zu haben, sagt sie. Wir gehen. Und Vater weint."


(Text: Michael Kiesling; Sprecher: Florian Kern)

Alfred Strauss
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"Hoffentlich findet deine Briefe keiner! Maria! Ich kann sie doch nicht wegwerfen. Und mitnehmen…? Wer weiß, wo wir jetzt hinkommen. Ich habe alle deine Briefe im Kopf, jedes Wort. Maria! Und werde sie nie vergessen. „Lieber Walter! Als gestern die graue Novembersonne unterging, dachte ich an unser Treffen im August. Als wir uns draußen am Bienengarten getroffen haben. Und wir ganz still dasaßen und der Sonne beim Untergehen zusahen. Und du hast meine Hand gehalten. Und als die Sonne weg war, hast du mich geküsst. Und ich habe dich geküsst. Und dann hast du die weißen Punkte auf meinem schwarzen Kleid gezählt. Und jeden Punkt musstest du berühren, um ihn dir zu merken. Jeden. Irgendwann war es zu dunkel zum Zählen. Es grüßt und küsst dich dein Pünktchen Maria.“

Wenn wir in Amerika sind, kauf ich dir ein Kleid mit einer Millionen Punkten. In schwarz und in rot und in grün und in blau. Und du
kommst dann nach. Und da müssen wir uns nicht mehr heimlich treffen. In Amerika leben alle Völker und alle Religionen friedlich zusammen. Die Juden und die Christen und die Heiden und die Chinesen und…

Weißt du noch, wie der Michi von seinen Eltern verdroschen wurde, als er mit seiner Evangelischen aus Dietzenbach erwischt wurde. Der konnte drei Tage später noch nicht gerade laufen. Mit einer Evangelischen - der hat sie ja nicht mehr alle. Dann noch eher eine
aus Ober-Roden. Haha! Aber du musst nicht denken… Ich denke nur an dich. Und werde nur an dich denken. Auf der ganzen Fahrt. Egal, was passiert. Egal, wohin wir kommen. Amerika. Ich hab schon ein bisschen Englisch gelernt. I love you, Maria!"


(Text: Oliver Nedelmann; Sprecher: Benny Kuba)

Walter Strauss
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"Meu Haus - meu schee Haus – waonn isch aonn dem enuff gugge !!! Alles fordd – alles ve‘bei! Geschaffd, geploochd – gehoffd!! Unser Famillie – seid 200 Johr im Ordd – mer hon doch dezugeheerd – babbele die selb‘ Sprooch. Unn jeddz‘?! – Alles Bruch unn Dalles! Die Äcker seun fordd unn es Haus iss ve’kaaft – wenischsdens nidd aon Nazi! De Heune unn die Lina wern’s hoffendlisch in Ehr‘n haole – sie hon’s ordendlisch bezaohld! Aobschied nemme hääßd’s – von de Nochberschaffd, von de Freunde, vom Haus unn von meune Ahne uff em Dibbojjer Juddefriedhof. De erschde Strauss hadd‘ ver fassd 150 Johr in unserm aolde Haus als erschder Veersteher die erschd Orwischer Synagog‘ unn Juddeschul‘ gegrind‘ unn isch, de leddzde Strauss, hon als de leddzde Veersteher die vor 50 Johr nei gebaud‘ Synagog‘ midd Schul‘ zuschließe unn ve’kaafe misse! Oh Adonai – waos fer e‘ Ironie?! Meun Nochber, de Schasser-Willem, wor imm‘r aach en gude Freund! Laong hon mer graod noch minnaonn‘r geredd‘ zum Aobschied. Er hadd uns immer gewarnd‘ - unn midd de Nazi alles vorhergesehr. Beschwoorn hodd‘er mich jeddz‘ – beschwoorn! Mer missde schnellsdens fordd! Unnertauche solle mer, bevor se uns all hole unn in de Ossde fordschaffe - bis uff de leddzde Maonn unn es leddzde Kind!!! Von Doodeslaocher hadd’er geredd - unn von Gass!

Wer sisch nidd blinn‘ unn daab stelle deed – wissd‘ Bescheid! Die Nazi wernn kaon Jud‘ am Lääwe losse !!! Mer misse reschdzeidisch
fordd - bevor die Traonspordde ohfaonge‘!!! Nor wie - unn wou heh? Ach, meu Haus – meu schee Haus wernn isch nie meh wirre‘sehr! Unser‘ Ilse unn de Herr misse uns helfe – Oh Elohim – Zebaoth - ve’gess uns nidd!!!"


(Text & Sprecher: Horst-Peter Knapp)

Max Strauss
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"Gott oh Gott, ich weiß gar nedd wo mir de Kopp steht! Mein arme Max - ve’haft wie en Schwerverbrescher unn in die Arrestzell‘ vom Rathaus gefiehrt – ausgereschend mein Mann, der was gegolde hat im Ort! Ich darf gar nedd drah denke‘! Vielleicht kann ich mein Max ja aus Buchenwald freikaufe, wie se mir zu verstehe gewwe hawwe?! Ach - unsern Nachbar, de “Schasser Willem“, hadd alles komme sehe! Doch ich wollt‘s aafach net wahrhawwe unn habb drauf gepocht, däss könnt‘ hier nie passiern! Weesche all unserne viele Wissenschaftler unn Politiker – unn weil unser‘ Männer im Weltkriesch für Kaiser unn Vaterland so tapfer gekämpft hawwe! Unn jeddz‘ müsse mir sofort nach Frankfordd umziehe, hadd’s im Rathaus geheiße – es Ordd solld‘ “Judenfrei“ wernn! Was e‘ Tortur – von gleich uff sefort unser Koffer packe – nachdem was die Nazis midd ihrne Beilschen alles ahgerischd hawwe!

Es Torschloss kaputtgehackt – dann war de ganze “klaane Dalles“ voll midd Glasscheerwe von unserne Kristalleuschter aus de Schlafstubb‘! Doch de schöne behmische Leuschter aus de guud Stubb‘, den hawwe se mer forddgetraache wie’s Radio – die konnde‘ se brauche!!! In unserm Metzjerlaade babbe die geworfene Ajer an de Wänd‘! Naa naa – was die fer e‘ Abbeit geschafft hawwe - däss sinn doch kaa Mensche nedd – was hadd‘ de “Schasser“ so rescht!!! Zum Glick gibt’s außer ihm noch e paar ahstännische Mensche, wie die “Gleggner-Greta“, die mich durch’s Küchefenster in ihr Haus gezoche hadd‘, als ich mich im Winkelsche am Feuerwehrhaus vor de Nazihorde ve’stegge wollt‘! Die ganz‘ Nacht hadd se mich ba sisch im Warme siddze lasse, weil isch misch nidd heim gedraut habb‘. Odder de Spengler-Maddin, wo mir heut‘ Morsche noch de kaputt geschlaachene Herd repariert hat. Also auf nach Frankfordd – zu de Salomons in die Elkebachstraaß‘ Nr. 16, unser neu‘ Quartier! Midd Gottes Hilf‘: “Schma Israel, Adonai eluhenu – Adonai echot…!“


(Text: Horst-Peter Knapp; Sprecherin: Elfriede Lotz-Frank)

Jenny Strauss
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"En letzte‘ Blick zurück auf’s Haus, in die Gasse, uff’s Ort unn die Freunde – all war’n se da - die sich’s getraut hawwe! Die Greta, auch frisch verheiert - ihrm Brautzuuch habb‘ ich zugewunke, hinner de Gardine, weil ich nidd mitlaufe durft‘ – unn sie hadd‘ traurisch
zurückgewunke. Als Schawwesgoi in de Synagoog‘ durft‘ se für mein Babba am Schawwes immer die Kerze anstecke. Odder die
„Schasser-Else“, Nachbarin und Freundin seit de‘ Kinnerschul‘ – was hawwe mir mi’m Peter von vis-a-vis in unserne „Gut Stubb‘“ als
„Mensch-ärgere-dich-nicht“ gespielt! Parteimitglied musst der wernn – sei Nazi-Vorgesetzte in de Bank in Frankfordd hadde’s ihm
„nahegeleescht“ – doch – heut‘ isser da unn hat mir sogar e‘ teuer Abschiedsgeschenk gekauft – debei isser sonst so geizisch!
Die Else – typisch - hat mich nochemal zur Seite genomme unn wollt wisse, warum isch so en alde Mann geheierd hädd‘? Als ob se’s nidd genau wüsst‘! Schönheit – Verliebtheit – die bringe misch nidd in Sicherheit. Wenn’s nach mir ging, wär ich längst auf em Weesch nach Palästina awwer mei Eldern sinn alde Leut‘ unn wie hadd‘ mein Vadder zu de Greta ihrm Vadder gesacht, der ihn, wie de Nachbar “Schasser“ zum Fortgeh‘ iwwerredde wollt: “Ei wou selle mer dann heh – mer häwwe doch nerjjends kaons!“
Hoffentlich geh’n die letzte paar Dag bis zur Abfahrt nach Le Havre gut! Mer hört ja, dass die Nazis manche Jude noch kurz vor de
„Reichsflucht“ ve’hafte‘ deede, um noch mehr Geld aus ihne‘ erauszupresse! Unser Sach‘ iss zum Glick verpackt und abgeschickt
unn mir hawwe uns sicherheitshalber wechselnde Nachtquartiere organisiert, damit mer uns nidd noch in letzter Minute festhält."


(Text: Horst-Peter Knapp; Sprecherin: Steffi Scholler)

Ilse Rothschild
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"Isch bin doch zu nix mea zu gebrauche, zu goar nix. Losst misch doch in Frirre sterwe und zu moine Bela laie. Was soll isch dann in
Damschtadt? Isch bin doch zu nix mea zu gebrauche. Die Klara unns Freedsche, was wird mit denne passieren? Fer misch is es zuend, des waas isch ja, awwer die Kinne! Des is net rescht. Ohne de Artur hoats die Klara souwisou net leischt, awwer sie hoat nie
gejammert… Moi Lebdaach hoa isch geschafft, awwer jetzt bin isch am End, isch bin doch zu nix mea zu gebrauche, isch bin doch an oalde Mann. Mer woarn ja immer schunn oarme Leid, awwer reschtschaffe unn ealisch. Des hewwe se all gewisst. Unn mit de Nachboarn heww mer uns immer guut vestannne unn uns geholfe…

S’Käddsche hoad mer fer den Agger am Diddzebäsch’r Wääg Geld gewwe, unn mer häwwe se die Stoffe aobstodd’rn losse, die se fer iihr Kinnerschen gebraucht hodd. Jetzt muss isch uff moi oalde Daach noch fort. Isch bin doch zu nix mea zu gebrauche. Losst misch doch in Ruh sterwe. In Dieborsch is unser Grab, isch woar schunn a Weil nimmer do, isch binn jo nimmer sou gut zu Fuß wie friehe. Isch weer ja sou gern noch emol dohie gange, was soll isch dann in Damschtadt?

Isch bin doch zu nix mea zu gebrauche."


(Text: Brigitte Beldermann; Sprecher Edu Dutiné)

Aron Strauss
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"Fliehen? Oder warten, bis sie mich abholen und in irgendein Lager stecken oder mich gleich totschießen? Fliehen? Aber wo soll ich denn hin? Wo sollen wir denn hin? Also warten. Es wird schon nicht so schlimm werden. Und dann wurde es noch schlimmer. Also fliehen. Und wieder: wie und wohin?

Wir sind arme Leute, da gibts kein Drumherumreden. Wir hatten nicht viel und haben doch das wenige mit anderen geteilt, die auch nicht viel hatten. Irgendwann haben wir die Kuh verkauft, weil wir das Geld brauchten. Und später musste ich betteln, um für den Buben ein bisschen Milch zu bekommen. Fliehen, ja, aber wie - ohne Geld? Ohne Geld und Einfluss. Nach USA oder nach Kanada nur mit Bürgen. Aber wer bürgt, wenn ich dort niemanden kenne? Oder die, die wir kennen, kein Geld haben.

Die Schweiz nimmt gar niemanden. Nach Palästina und England nur Kinder. Ein paar. Und nur, wenn man jemanden kennt. Aber einfach so mit der Familie nachts über die Grenze? Und dann? Wenn sie uns aufgreifen? Schicken sie uns zurück? Wollen sie uns
dort? Kann ich dort arbeiten? Geld verdienen? Ohne die Sprache zu können. Oder soll ich allein los? Um vielleicht und irgendwann die Familie nachzuholen? Nein, das geht nicht. Also warten und hoffen. Oder doch fliehen?"


(Text: Oliver Nedelmann; Sprecher: Jörg Rotter)

Abraham Katz
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"Auf schnell, schnell noach Darmstadt, foart, ner foart! Ich muss misch eile, maan Maonn, wo wert er ner soi, maan Maonn, im Unnerhemb häwe sen abgeholt, die Lumpesäckl. Im Unnerhemb, nit emol dricke konnt ich en, nit emol dricke. Die Drecksäck, der hold sich de Dood, der hold sisch doch de Dood. Un was wern se ner mit em oastelle. Was hoat mer nit alles geheert, was hoat sisch nit alles dorsch’s Oart geschwiehe, was die Nazis treiwe, wann de Deiwel se üwwerkimmt. V'lascht, v'lascht, kenne mehr uns wirrerfinne in Darmstadt. Er waas ja, wou mer soin, er waas es ja un er werd nix saache, koa word kimmt iwwer seu Lippe. Auf, foart, hier is nix meh fer uns, nor Verderwe un Elend. Auf, schnell, ach man oarme Maonn, man oarme Maonn. Ner oamal noch dät isch en gern wirrersähje, ner amoal, maon Herrgott. Auf, schnell fort, schnell…"


(Text & Sprecherin: Christiane Lotz)

Klara Katz
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"Warum? Warum ist immer alles so schwer? Nein, warum wird immer alles so schwer gemacht? Wir wollen doch alle nur ganz wenige Dinge auf dieser Welt. Freunde. Ein Dach über dem Kopf. Wärme. Essen. Trinken. Ein bisschen Vergnügen, Theater. Eine Kirmes mit Musik. Und mittendrin: Ein bisschen Liebe! Ist doch alles ganz einfach. Eigentlich. Aber da gibt es die, die das nicht verstehen. Die Alles haben wollen. Die nicht verstehen wollen, dass Menschen, die an einen anderen Gott glauben auch Menschen sind. Ganz normale Menschen! Und der Gott ist doch eigentlich auch der gleiche! Aber Gott zählt nicht. Gott
scheint böse zu sein, in ihren Augen. Warum? Warum wird alles so schwer gemacht? Warum verbrennen sie unsere Gotteshäuser? Unsere Bücher? Unsere Bilder? Warum?

Ich habe Angst. Angst, dass wir die nächsten sind. Diese Gesetze, furchtbar! Wann brennen wir? Ich hoffe nie, aber ich weiß es nicht.
Wir müssen gehen. Fliehen. Wieder. Aber kein gelobtes Land in Sicht. Ich weiß nichts mehr. Bin leer. Kalt. Alleine. Es tut weh, aber ich muss der Tatsache ins Auge sehen: Wir werden verraten werden. Dazu braucht es nur einen, der den ersten Stein wirft. Ich will das nicht erleben, will nicht enttäuscht werden von Freunden. Will nicht erleben, wie aus Angst gehetzt wird. Wie mich ein Stein von meinem Freund trifft. Von meinem Bruder. Habe Angst. Aber noch ist Zeit. Ich hoffe, es wird gut gehen.

Warum? Warum wird alles so schwer gemacht? Warum? Warum ..."


(Text & Sprecher: Michael Kiesling)

Ludwig Strauss
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"Das ist mein Koffer. Jetzt gehen wir zum Bahnhof. Ich halte Mamas Hand fest. Ich habe Angst. Alles, was ich sonst noch habe, ist hier in diesem Koffer. Hoffentlich merkt Mama nichts. Ich habe die dicke Wolljacke rausgenommen und meine beiden Bücher hineingetan. Die kratzige Strumpfhose habe ich rausgenommen und meine Steinschleuder reingetan. Damit kann ich Mama verteidigen, wenn jemand sie anbrüllt. Die blöden Lederstiefel waren so schwer, dafür habe ich meine Murmeln hineingetan. Einundzwanzig Einer, zehn Zweier, acht Fünfer und drei Zehner. Die blaue mit dem gelben Streifen, die ich von Edu gewonnen habe. Der hätte mich fast  vehauen, so wütend war er. Und die schöne grüne. Und die weiße mit den hellblauen Flecken, die mir Papa zur Kerb geschenkt hat. Papa… Ich habe Angst."


(Text & Sprecher: Damian Murmann)

Alfred Katz
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"Es riescht gut. Mit meuner Hannah habb isch’s immer geern geroche, wann da driwwe vom Bäcker-Mischel es frische Brot gebacke woarn is. Als Kinner hawwe mer immer die Kucherenner kriet. Wann mer Glick hadde, woarn do noch halwe Riwwel druff. Die hawwe mer mit de annern hinner de Kersch gesse. Koscher woar's nit. De Vadder dorft's nit mitkrieje. Die Maomme hat mer immer die Krimmel vom Mund abgewischt un mer en Klaps gäwwe. Un hot e bißje debai gelacht. Un de Loare riescht - noch Lärrer un Gummi. Des Gefiehl, en guure Schuh auszupacke, in de Henn ze hoale. Die Sohle he un her ze priefe. Un die Neeht. Isch hab gern verkaaft mit meu‘m Brurer Julius - alle Leit die scheene Schuh verkaaft. Und nach Herbst riescht's des Laab. Dorchs trockene Laab renne,
dass es knistert und kracht. Veel zo selten hab isch des gemoacht in den letzte Joahrn. Awwer v'lascht bin isch do defeer aach schon zu alt. Awwer mit meiner Hannah noch emool dorsch de roetgoldne Woald geeh! Jetzt hääßt’s, isch keem nach Buchenwald. Des is koan guude Ort – ganz in de Neeh von Weimar, wou doch de deutsche Geist un die Bildung un veel Scheenes zum Vorscheu kumme is…"


(Text & Sprecher: Roland Kern)

Hermann Adler
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"Ich kann es nicht verstehen. Heute muss ich gehen. Warum? Ich bin doch Urberacher. Ich kann es nicht verstehen. Ich war, ich bin ein ehrenwerter Kaufmann. Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen. Die Leute haben gern bei mir eingekauft. Und ich habe gerne bei ihnen gekauft. Ich kann es nicht verstehen. Wie neulich der Ortsgruppenleiter hinten an der Tür klopft. Abends, nach Geschäftsschluss. Der, der ein sehr genaues Auge auf jeden hat, der tagsüber den Laden von der Straße aus betritt. Und ihn später zur Rede stellt. Der steht plötzlich abends vor der Hintertür. Ich kriege einen mords Schreck, da sehe ich seine Frau dahinter. Und was machen sie? Sie lassen sich bedienen. Lassen sich die schönsten Schuhe zeigen. Und kaufen. Und lassen sich noch Wichse
obendrauf legen. "Das geht doch wohl in Ordnung", sagt er. "Das geht doch wohl in Ordnung." Ich kann es nicht verstehen. Wir kennen hier jeden. Wir haben uns gut verstanden. Mit den einen mehr, mit den anderen weniger. Aber das ist doch normal in einem Ort. Wir standen doch wie alle nach dem Feierabend vor der Tür und haben geschwätzt, wenn das Wetter gut war. Wir haben doch gelacht miteinander. Ich kann es nicht verstehen. Wir haben hier gerne gelebt. Wirklich gerne gelebt. Hier ist unsere Heimat. Unsere Vergangenheit. Wir hatten doch Pläne, Emmi wollte heiraten… Was jetzt daraus wird? Die arme Emmi. Ich kann es nicht verstehen. Der Glaube kann es nicht sein. Christen und Juden haben doch ein gemeinsames Fundament – da gibt es nicht viele Unterschiede. Wir haben einen schönen Sonntag gewünscht und sie uns einen schönen Schabbes. Und jeder hat zu seinem Gott gebetet, der doch der gleiche ist. Ich kann es nicht verstehen. Ich liebe Deutschland, ich bin ein Patriot. Ich bin doch Deutscher und Urberacher. Und jetzt? Ich kann es nicht verstehen."


(Text & Sprecher: Thomas Mörsdorf)

Julius Adler
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„Warum macht ihr das? Wir haben doch keinem was getan!“

Seit meiner Heirat vor über 25 Jahren lebe ich nun hier in Urberach in diesem Haus. Hier war ich glücklich und zufrieden. Julius und mir ging es gut. Wo wird er jetzt sein? Wie wird es ihm ergehen? Er war immer rechtschaffen und angesehen im ganzen Ort. Sie können doch nicht… Jetzt werden wir davongejagt. Mit unseren letzten Habseligkeiten zum Bahnhof getrieben. Früher fand ich es schön, in der Viehweidgasse zu wohnen. Früher fand ich es schön, mit der Bahn nach Frankfurt zu fahren. Besonders Emmi fand es immer schön, mit der Bahn nach Frankfurt zu fahren…

Wo sind unsere Freunde und Bekannten? 1931, als es den meisten schlecht ging, hat Julius ihnen von unserem Geld geliehen. Die
meisten haben es zurückgezahlt, abgestottert von ihren kümmerlichen Nebeneinkünften… Das hätten sie sich sparen können. Jetzt ist es sowieso futsch. Ich bin froh, dass ich ein bisschen Proviant für Emmi und mich einpacken konnte. Heute Nacht, als sie im Hof unsere Ware angezündet haben – nur die billigsten Sachen natürlich-, wusste ich, dass Luddi recht hatte. Er liegt uns seit Jahren in den Ohren, dass wir raus aus Deutschland müssen. Julius hat es nicht geglaubt. Nicht glauben wollen…

Dort drüben steht die Frau Ortsgruppenleiterin. Ob sie die schönen Schuhe anhat, die ich ihr extra zurückgelegt hatte? Größe 40, die sind nicht so leicht zu bekommen...

Wo kommen wir jetzt hin? Porzellanhofstraße 10. Wie sieht es da wohl aus? Ob wir dort morgen den Sabbat begehen können?"


(Text & Sprecherin: Christiane Murmann)

Katinka Adler
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"Hier wohnte Ludwig „Luddi“ Adler. Geboren 1913. Und jetzt gehe ich. Jetzt gehen wir. Weil wir Angst haben. Vor euch. „Aber das waren wir doch gar nicht. Das waren die anderen. Die Braunen. Mit denen haben wir nichts zu tun. Das haben wir nicht gewollt.“ Jaja. Ihr Gardinenvorzieher, ihr Ohrenzuklapper. Ihr lügt euch doch was in die eigene Tasche. Alle. Und meine Mischpoke doch genauso. „Der hält sich nur kurze Zeit.“ Jetzt sind es schon fünf Jahre. „Schlimmer kann es doch gar nicht werden.“ Und jedes Jahr wurde es böser. Ich war am 1. April 1933 in Frankfurt, als die Nazis zum Boykott der jüdischen Geschäfte aufgerufen hatten. Ich hab gesehen, wie diese dümmlich grinsenden SAMänner die angespuckt haben, die trotzdem einkaufen gegangen sind. Das war schon widerlich und erschreckend, aber dass die normale Polizei danebenstand und keine Miene verzog, das machte mir wirklich Angst.

Und ihr seid doch keinen Deut besser. Tagsüber unseren Laden mit keinem Blick würdigen und abends dann heimlich kaufen.

Hintenrum. Alle Zähne sollen euch ausfallen - bis auf einen, und der soll schmerzen, bis euer Hirn verbrennt. Wenn da eins ist. Der Mensch, die Krönung der Schöpfung. Was hat der alte Feldhäfner Schwarzkopf immer gesagt? „Als der liebe Gott den Menschen aus Mutter Erde machte, da ist er ihm doch ein wenig missraten. Das kommt daher, dass unser Herrgott den Menschen am späten Samstagabend, ganz zuletzt, erschuf, als er vom Sechstagewerk schon recht müde war. Er hätte etwas so Wichtiges da nicht mehr beginnen sollen. Er hätte sich den Menschen aufheben sollen für die nächste Woche oder meinetwegen für den Sonntag. Aber so
schwang sich unser lieber Gott mit letzter Kraft noch einmal hinter die Töpferscheibe, kratzte zusammen, was gerade noch zusammengekratzt werden konnte, und was dabei herauskam, das kennen wir.“ Ich bleibe nicht in Deutschland. Und wenn ich alleine weiter muss."


(Text & Sprecher: Oliver Nedelmann)

Ludwig Adler
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"So. Herd aus, Lischt aus, Stecker raus. Ofe aus. Schlissel? Na ja, mer waas ja nit, mer derf ach nit die Hoffnung ganz uffgäwwe. Dann wolle mer moal. Mir hawwe de Auszug aus Ägypten geschafft, da wern mer disch ah noch packe, Adolf, disch und dei dreckisch braun Zores. Was wert de Vadder jetzt ner mache, wou wert er soi. Na, nit groine, nit flenne, die Momme, die hots schon schwer genunk. V'lascht kenne mer uns ja in Frankfort haole. V'lascht schaffe mehrs ja noch… Ach, geh fort, Emmi, Du traomst, ja, des wär scheeh, aber der Ofe is aus. Auf, dreh daan Schlissel erim. Schaddaj, werd ich jemals wirrer über moi Mesusa streiche, iwwerhaupt wirrer je über ao streiche? Auf fort, fort in die Noacht, ner fort und dann irschendwann… V'lascht wieder hoam. V'lascht…"


(Text & Sprecherin: Christiane Lotz)

Emilie Adler
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